Zeitzeugengespräch 2025/26 - Thomas Raufeisen


Am 16. Januar 2026 kam Thomas Raufeisen als Zeitzeuge in die Eichendorffschule und berichtete der Jahrgangsstufe 10 von seinem Leben und den Erfahrungen, die ihn geprägt haben. Er begann mit seiner Kindheit in Hannover, wo er 1962 geboren wurde und in stabilen westdeutschen Verhältnissen aufwuchs. Er besuchte ein Gymnasium und führte ein Leben, das er später als frei und unbeschwert beschrieb. Kontakte zur DDR hatte er lediglich durch Besuche bei seinen Großeltern auf Usedom.
Er erzählte weiter, dass im Januar 1979 ein einschneidendes Ereignis sein Leben veränderte: Unter dem Vorwand, sein Großvater sei schwer erkrankt, brachte sein Vater die Familie in die DDR. Erst dort wurde ihm klar, dass sein Vater jahrelang heimlich für das Ministerium für Staatssicherheit gearbeitet hatte. Als das Spionagenetz der DDR aufflog, drohte dem Vater die Verhaftung in der Bundesrepublik, und die Familie wurde gezwungen, in der DDR zu bleiben. Thomas berichtete, wie die Ausweisdokumente der Familie eingezogen wurden und nur sein älterer Bruder die Rückkehr in den Westen schaffte. Für ihn selbst bedeutete dies den abrupten Übergang „von der Demokratie in die Diktatur“.
In Ost-Berlin lebte die Familie in einer staatlich zugewiesenen Wohnung nahe der Berliner Mauer. Trotz materiell relativ guter Versorgung war der Alltag von Kontrolle und Unfreiheit geprägt. Thomas erzählte den Schülerinnen und Schülern, wie Schule und gesellschaftliches Leben strengen Regeln unterlagen und die Nähe zur Grenze die politische Realität der DDR ständig spürbar machte. Nach dem Abbruch der erweiterten Oberschule begann er eine Ausbildung zum Kfz-Mechaniker. Parallel versuchte die Familie mehrfach, in den Westen zu gelangen – diese Fluchtversuche scheiterten jedoch.

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Im September 1981 wurden Thomas und seine Eltern verhaftet. Er kam in Untersuchungshaft in Berlin-Hohenschönhausen und wurde später wegen illegaler Ausreiseversuche und angeblicher staatsfeindlicher Tätigkeiten zu einer mehrjährigen Haftstrafe im Gefängnis Bautzen verurteilt. Im September 1984 wurde er entlassen und in die Bundesrepublik zurückgeschickt. Thomas berichtete, dass er zunächst Schwierigkeiten hatte, sich wieder in den Alltag einzuleben, später jedoch das Abitur auf dem zweiten Bildungsweg nachholte und ein Studium des Vermessungswesens begann. Auch den Kontakt zu seiner Mutter konnte er nach deren Haftzeit wieder aufnehmen, während sein Vater noch in der Haft verstarb.
Abschließend betonte Thomas Raufeisen vor den Schülerinnen und Schülern, dass trotz der schweren Belastungen und des Vertrauensbruchs durch die Taten seines Vaters dieser immer ein Teil seiner eigenen Geschichte geblieben sei: „Mein Vater war schuldig als Spion, aber für mich war er dennoch immer auch mein Vater.“

Lorin Özcan G10d