Professionelles Up-Cycling für das Badezimmer

FAZ  

vom 02.06.2017


Mit ihrer Firma haben Eichendorffschüler aus Kelkheim schon einen Preis gewonnen. Bewertet wurde nicht die Geschäftsidee, vielmehr ging es um Vermarktung und Organisation.


Während draußen hochsommerliche Temperaturen herrschen, ist die Stimmung drinnen eher frostig. "Leute, Bundeswettbewerb!!! Wenn wir da zu wenig Flyer haben, versinke ich im Boden", sagt die stellvertretende Vorstandsvorsitzende Nina Ahlmann, und man hört die drei Ausrufezeichen deutlich in ihrer erhobenen Stimme. Die Marketing-Abteilung beruhigt, es seien ausreichend Prospekte vorhanden, Verwaltung, Technik und Finanzabteilung gehen routiniert weiter ihren Aufgaben nach. Auch Luisa Mansky, die Vorstandsvorsitzende, hat nun endlich Zeit, sich der Medienvertreter anzunehmen, die auf ein Interview warten.

Wir befinden uns nicht in der angespannten Krisensitzung eines Dax-Unternehmens, sondern in der Eichendorffschule. 15 Schülerinnen und Schüler der Jahrgangsstufe E, wie die zehnte Gymnasialklasse heißt, versuchen seit Schuljahresbeginn eine eigene Firma so professionell wie möglich auf die Beine zu stellen. "Bavolution" heißt ihr Unternehmen: Es soll Seifenspender und Schmuckdosen fürs Badezimmer produzieren. Die Revolution im Badezimmer beginnt mit ausrangierten Büchern und leergetrunkenen Flaschen: Mit Hilfe von gekauften Metall-Pumpen wird aus bunten Eistee- oder Smoothie-Flaschen ein neuer Spender für Körperlotion oder Flüssigseife. Für Erwachsene gibt es auch "Jägermeister" oder eine besonders hübsche Wodka-Flasche im Angebot. Die Bücher werden mit beherzten Schnitten von unnötigem Seitenballast befreit, ein breiter Rand bleibt stehen, wird mit wasserfestem Kleber versteift - fertig ist die Schmuck-, Watte- oder Haarspangendose fürs Badezimmer. Für sieben bis 13 Euro verkaufen die Schülerinnen die Produkte im Lehrerzimmer, auf Märkten oder im Café Sonnenschein.

Up-Cycling nennt sich das Ganze. Und das ist nicht nur in sozialen Medien wie Pinterest ein großer Trend. Frühere Generationen nannten das ein wenig abfällig "Basteln für Anfänger" oder "schnelle Muttertagsgeschenke", waren aber auch längst nicht so ausgefuchste Marketingstrategen. "Unser Name Bavolution bedeutet Revolution im Bad durch Evolution der Materialien", erläutern die beiden Vorstandsfrauen. Altes und Unnützes wird aufgemotzt statt weggeworfen und für neue Zwecke verwendet - nachhaltig, Ressourcen schonend. Ähnlich professionell liest sich der elfseitige Geschäftsbericht, den die Gruppe geschrieben hat.

Bavolution FAZ 06-2017

Wandlungsfähig: Aus einer alten Getränkeflasche wird ein pfiffiger Seifenspender.

Die wöchentlichen Treffen der Fünfzehnjährigen im Rahmen eines schulischen Wahlpflichtfachs dienen vor allem einem Ziel: der Teilnahme am Wettbewerb "Bestes Junior Unternehmen 2017", veranstaltet vom Institut der deutschen Wirtschaft Köln. Den Landessieg haben die Kelkheimer seit Mitte Mai schon in der Tasche, jetzt fahren sie vom 21. bis 23. Juni zum Bundeswettbewerb nach Berlin. Das erklärt auch die Hektik und Geschäftigkeit der Betriebsversammlung im Klassenzimmer.

Was genau die Jugendlichen produzieren, ist bei diesem Wettbewerb eigentlich nebensächlich. Sie sollen vor allem fürs Leben nach der Schule lernen und grundsätzliche wirtschaftliche Zusammenhänge verstehen. Dazu gehört, dass sie an einem Messestand präsentieren können und möglichst professionell auftreten. "Schlüsselqualifikationen", sagen die Schülerinnen und zwinkern sich dabei vielsagend zu.

"Unternehmensgründungen sind der Motor unserer Wirtschaft, sie sorgen für Innovationen und Arbeitsplätze", sagte Hessens Wirtschaftsstaatssekretär Mathias Samson beim Landeswettbewerb. Zum unternehmerischen Handeln gehöre es, Verantwortung zu übernehmen, für die eigenen Beschäftigten ebenso wie für die Allgemeinheit. Der Junior Wettbewerb wird seit 14 Jahren veranstaltet und bis auf Europa-Ebene ausgetragen. Wenn sie es in Berlin auf den ersten Platz schaffen, dürfen die Eichendorffschüler ihre Bavolution bis nach Brüssel tragen.

Ehrgeiz treibt sie an, denn sie wollen gern ihrem Lehrer Roland Struwe nacheifern. Der hat vor drei Jahren das Junior-Programm an der Eichendorffschule installiert, weil er selbst schon als Schüler, damals in Trier, daran teilgenommen hat und es bis in den Europa-Entscheid nach Paris gebracht hat. "Ich habe als Schüler in dem Projekt damals mehr gelernt als in dem Jahr im ganzen restlichen Unterricht", sagt Struwe. Ähnlich sieht das auch Nina: "Ich habe für das Projekt viel mehr Zeit und Energie investiert als sonst für die Schule." Die Schüler seien in den Monaten des Wettbewerbs wesentlich erwachsener und reifer geworden, urteilt ihr Lehrer. Im neuen Berufsorientierungserlass seien Schülerfirmen mittlerweile verpflichtend für alle Schulen vorgesehen.

Die Schülerfirma ist als Aktiengesellschaft organisiert, auch Landrat Michael Cyriax (CDU) und Kelkheims Bürgermeister Albrecht Kündiger (UKW) haben schon Aktien gekauft für zehn Euro das Stück. "Ende April waren wir schon bei 7,4 Prozent Steigerung des Aktienkurses", rechnet Finanzchefin Nika Agah vor. Für die Bastelarbeiten oder das Erstellen von Werbematerial und Geschäftsbericht erhalten die Schüler übrigens auch einen ganz realen Lohn, allerdings nur 50 Cent die Stunde, worüber die Verwaltung akribisch wacht. Auch Körperschaftsteuer weist der auf der Unternehmenshomepage im Internet einsehbare Geschäftsbericht aus.

Wenn das Projekt nach einem Jahr beendet ist, wird der Gewinn gespendet. Der Erlös geht an "Arche Nova", ein Projekt, das Schultoiletten in Mali finanzieren hilft. Auch darüber haben sich die Schüler viele Gedanken gemacht. Denn schließlich haben Toiletten sehr viel mit Badezimmern zu tun.

(Martina Propson-Hauck)