Zeitzeuginnen der NS-Zeit erzählen

Anlässlich des 75. Jahrestages der Wannseekonferenz am 20. Januar 2017 wurde AbiturientInnen und Lehrkräften der Eichendorffschule Kelkheim von den Zeitzeuginnen Eva Szepesi und Inge Geiler über die NS-Zeit berichtet. Sie nahmen sich zwei Stunden Zeit, um von eigenen und fremden Schicksalen zu erzählen sowie Fragen zu beantworten.

Während Renovierungsarbeiten in ihrer Wohnung fand Inge Geiler in einer Wand versteckte Unterlagen Frankfurter Juden. Sie entdeckte knapp 50 Briefe, zudem Dokumente, Zeitungen und Postkarten. Die geschilderten Schicksale der Familie Grünbaum berührten sie so sehr, dass sie ab 2007 intensive Recherchen anstellte. Fast fünf Jahre und 12 000 Euro flossen in „Wie ein Schatten sind unsere Tage“, ein Werk, das die Geschichte der Familie seit dem 19. Jahrhundert schildert, die auf Grund ihrer Konfession und der Zeitläufe auseinandergerissen wurde.

Eva Sepeszi-Zeitzeugengespräch 2017


Inge Geiler Zeitzeugengespräch 2017

(Fotos: Felicia Schuld -Bistum Limburg) 

Auch Eva Szepesis Familie wurde entzwei gerissen. Sehr persönlich erzählte sie vom Beginn der sozialen Ausgrenzung als jüdisches Kind sowie ihrer Flucht mit zwölf Jahren. 1932 in Budapest geboren, schickte ihre Mutter sie 1944 mit falschen Papieren in die Tschechoslowakei, wo sie zunächst einen Sommer lang in verschiedenen Familien wohnte. Als sie nach Auschwitz deportiert wurde, überlebte sie bloß durch den Tipp, sich als 16 Jahre alt auszugeben, was sie vor dem unmittelbaren Tod bewahrte. Im Januar 1945 von Sowjets befreit, erfuhr sie erst im September vom Tod der Mutter und des jüngeren Bruders. Sie heiratete und kam, obwohl es ihr widerstrebte, mit ihrem Mann in den 50er Jahren nach Deutschland. Seitdem lebt sie in Frankfurt.

Seit ihrer Befreiung schwieg sie fast 50 Jahre, selbst ihre Töchter wussten von nichts. Sie kehrte lediglich zwei Mal nach Auschwitz zurück. Das erste Mal wegen einer Gedenkfeier, der zweite Besuch erfolgte 2016 auf Drängen ihrer Enkeltochter, welche wieder nach jüdischem Glauben erzogen wird. Dabei fand sie erstmals die Namen ihrer Mutter sowie des Bruders auf Listen wieder, was ihr die lange befürchtete Gewissheit brachte, dass sie im KZ starben. Ihr Vater war bereits 1942 in ein Arbeitslager geschickt worden.

Begleitet wurden die Vorträge vom Bund der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ), deren Mitglieder die ZuhörerInnen anschließend in kleineren Workshops für die Themen Ausgrenzung, Vorurteile und Flüchtlinge sensibilisierten und damit einen direkten Bezug zwischen damaligen und aktuellen Entwicklungen schufen. Abschließend gab Eva Szepesi den Anwesenden noch auf den Weg, dass Ausgrenzung etwas ganz Idiotisches sei und mahnte: „Lasst euch nicht von Parteien wie der AfD verleiten!“ Klare Worte zu gegenwärtigen Themen. Von einer, die es leider wissen muss.

Leonard Röhl


  • Eva Szepesis Biographie „Ein Mädchen allein auf der Flucht“ ist 2011 im Metropol Verlag, Berlin erschienen.
  • Inge Geilers Recherchen zur Famile Grünbaum kann man in „Wie ein Schatten sind unsere Tage“, erschienen 2012 im Schöffling Verlag, Frankfurt, nachlesen.